Was bringt das Paradies, wenn man nicht weg darf?

Von Carla Magnanimo

Azkaban. Alcatraz. Rikers Island. Robben Island. Wer an Gefängnisinseln denkt, hat sofort ein Bild im Kopf. Und das ist meistens eher unschön. Hohe Mauern, eine entweder gleißende Sonne, die alles Lebende verbrennt oder raue Klippen, umgeben von einem stürmischen Meer, in dem die Haie auf einen warten. Eine Flucht scheint unmöglich und Besucher:innen sind hier meistens rar. Es sind Orte, an denen man nicht sein möchte, weder für kurze Zeit, geschweige denn, für den Rest seines Lebens. Für viele von uns ist es ein Leichtes, diese Orte zu vergessen, denn dort auf hoher See, umringt von nichts als Wellen, Fischen und Eisengittern sind sie prädestinierte Orte der Einsamkeit. 

Bist du böse, geht es ab ins Gefängnis

Wenn wir klein sind, wird uns beigebracht, dass ein Gefängnis ein Ort ist, an den böse Menschen kommen. Begeht jemand ein Verbrechen, wird man dorthin gebracht, wo man keine Gefahr mehr für den Rest der Gesellschaft darstellt. Dieses Konzept, welches bereits so alt wie die Menschheit selbst ist, wird jedoch bereits seit längerem immer wieder kritisiert. 

Gefängnisse sind Inseln innerhalb einer Gesellschaft. Gefängnisinsass:innen werden abgekapselt, sollen für ihre Straftaten büßen, sich bewusst werden, wieso sie eine Gefahr für andere darstellen und im Idealfall zu tugendhafte Bürger:innen werden, die man ohne Bedenken wieder in die Welt entlassen kann. Jedoch führt der Soziologe Erving Goffman in seinem Werk “Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen.” den Aspekt der Demütigung und “Entwürdigung des Ichs” als zentrales System innerhalb von Institutionen wie Gefängnissen an.1 Bezüglich der Rückführung in die Gesellschaft betont Goffman, dass der:die Insass:in “einige Rollen re-etablieren kann”, jedoch “andere Verluste unwiderruflich sind”.1 Er bezeichnet dies als den “bürgerlichen Tod”. 

Die Realität in Gefängnissen ist häufig geprägt von Kriminalität und Brutalität, wo sie sich noch grausamer, noch komprimierter fortsetzen, da es hier kaum die Möglichkeit gibt zu entkommen. Man rennt buchstäblich gegen eine Wand. Hinzu kommen schlechte Bedingungen, korrupte Beamt:innen, Drogen- und Waffenhandel. Gefängnisse überall auf der Welt geraten immer wieder in die Kritik, Orte der Gewalt, Korruption, Traumata und vor allem Ungerechtigkeit zu sein. Ganz im Gegensatz zu dem, wofür sie eigentlich stehen.

Weit weg von allem 

Inseln sind natürliche Räume der Abgeschiedenheit. Dies kann sehr positiv konnotiert sein, verbunden mit einer bewussten Auszeit oder einem entspannten Urlaub. Wenn Menschen frei entscheiden, sich auf eine Insel zurückzuziehen, hat Isolation einen geradezu romantischen Reiz. Fehlt die Freiwilligkeit, wendet sich das Blatt schnell. Das Wort Isolation beinhaltet das italienische Wort isola (dt: Insel). Bereits vor einigen Jahrhunderten wurden todkranke Menschen auf sogenannten Quarantäneinseln zum Sterben ausgesetzt. Damit sie den Rest der Gesellschaft nicht anstecken konnten.

Gefängnisinseln haben eine doppelte Bedeutung und Funktion. Die Insass:innen hier sind nicht nur durch die Mauern des Gefängnisses vom Rest der Welt abgeschnitten, sondern auch räumlich vom Festland, ihren Familien, der Gesellschaft. Ob das nun dazu beiträgt, dass aus ihnen akzeptable Mitglieder der Gesellschaft werden ist fraglich. Diese Menschen noch weiter von der Gesellschaft zu trennen ist vielleicht nicht der beste Weg, um sie später wieder in eben diese einzugliedern.


Gefängnisinseln haben eine doppelte Bedeutung und Funktion. Die Insass:innen hier sind nicht nur durch die Mauern des Gefängnisses vom Rest der Welt abgeschnitten, sondern auch räumlich vom Festland, ihren Familien, der Gesellschaft. Ob das nun dazu beiträgt, dass aus ihnen akzeptable Mitglieder der Gesellschaft werden ist fraglich. Diese Menschen noch weiter von der Gesellschaft zu trennen ist vielleicht nicht der beste Weg, um sie später wieder in eben diese einzugliedern. 

Natürlich ist es richtig, dass Menschen, die Verbrechen begangen haben, bestraft werden. Doch gibt es auch genug Fälle, in denen Menschen zu unrecht und aus den falschen Gründen verurteilt und weggesperrt werden. Je nach Staat und Gesetz können die unterschiedlichsten Dinge zu einem Gefängnisaufenthalt führen.  

Die Insel als Todesstrafe

Die Idee, Kriminelle (oder oft auch einfach nur unliebsame Zeitgenoss:innen) auf Inseln zu verbannen, wo sie in Isolation ausharren mussten, gefoltert wurden oder so lange arbeiteten, bis ihre Körper aufgaben, war auch bereits während der, oh wen wundert es, Kolonialzeit sehr beliebt. 1788 entsandte Großbritannien die ersten Schiffe mit Gefangenen über die Weltmeere, um auf dem Gebiet des heutigen Australiens eine neue Strafkolonie zu gründen. Die unfreiwillige Reise war gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Australien war (und ist bis heute) somit theoretisch die größte Gefängnisinsel. 

Auf der ganzen Welt wurden Inseln genutzt, um bestimmte Gruppen, sowohl geographisch als auch geistig, vom Rest der Gesellschaft zu trennen. Nach dem zweiten Weltkrieg verschleppte die griechische Regierung Menschen, die gegen Hitler und die Faschisten gekämpft hatten, auf die Insel Markonissos, um sie dort systematisch zu foltern und einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Ihnen sollte die linke Gesinnung ausgetrieben werden.

Das Gefängnis Guantanamo auf der Insel Kuba ist den Meisten wohl ein Begriff und bekannt dafür, angebliche Terrorist:innen einzusperren und sowohl seelisch als auch körperlich zu foltern (und somit gegen Menschenrechte zu verstoßen). Fotos von Gefangenen in orangenen Overalls, die in der brütenden Sonne in Käfigen ausharren mussten, gingen 2002 um die Welt, als in das Gefängnis die ersten angeblichen Terrorist:innen aus Afghanistan eingeliefert wurden. Von den einst 780 Insassen waren in 2018 noch 40 übrig, von denen jedoch fünf erwiesenermaßen unschuldig waren. Bislang hat sich noch kein Land bereit erklärt, sie aufzunehmen.

Gefangen – ohne Mauern

Hier zeigt sich bereits die Tendenz vieler Regierungen, Menschen einzusperren, ohne dass sie erwiesenermaßen oder auch nur ansatzweise ein Verbrechen begangen haben. Ähnliches passiert auch derzeit mit den Rohingya, einer muslimischen Minderheit, die zu großen Teilen in Myanmar angesiedelt sind, jedoch von der Politik und Gesellschaft seit Jahrzehnten verfolgt und ausgegrenzt werden. Sie werden dort nicht als eigenständige Bevölkerungsgruppe anerkannt und haben deswegen keinerlei Grundrechte. Die UN schätzt sie als am meisten verfolgte Minderheit der Welt ein. Häufig versuchen die Rohingya nach Thailand, Bangladesch, Malaysia oder Indonesien zu fliehen. Auch hier sind sie nicht erwünscht. So hat die Regierung Bangladeschs damit begonnen, die Menschen aus Geflüchteten Camps auf eine Insel im Golf von Bengalen zu bringen, wohin sie umgesiedelt werden sollen. Dies passiert, laut der Regierung, auf freiwilliger Basis. Die UN und Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International bezweifeln jedoch, dass die verschleppten Menschen wüssten, was mit ihnen geschieht. Internationale Reporter:innen dürfen die Menschen auf ihrer Reise nicht begleiten. 

Die Insel befindet sich drei Stunden entfernt vom Festland in einem Gebiet, welches häufig von Zyklonen betroffen ist und mehrmals im Jahr überschwemmt wird. Somit ist sie eigentlich nicht geeignet, dort ein Leben in Sicherheit und Ruhe zu führen. Das nächste Krankenhaus ist eine dreistündige Bootsfahrt entfernt. Die Regierung hat Baracken aufgestellt, um die Menschen unterzubringen. Es ist kein Gefängnis im klassischen Sinne. Es gibt keine Mauern und Zäune. Und doch spricht die Zeit in einem Artikel von Inhaftierungen. Und es scheint nicht so, als hätten die Menschen überhaupt eine Wahl. 

Ab wann ist ein Gefängnis ein Gefängnis? Wenn es Mauern und Zäune hat?

Oder wenn man nicht wegkommt und weiß, dass man nirgendwo anders hin kann? 

Wie bei dem Beispiel der Rohingya, die laut offizieller Aussage nicht eingesperrt wurden – einfach nur, weil es keine sichtbaren Mauern und Zäune um sie herum gibt. Dafür einen geradezu unbezwingbaren Ozean und keine Möglichkeit der Mobilität. Ob dies nicht sogar schlimmer ist? Inhaftierte wissen zumindest wofür sie ihre Strafe absitzen und haben (im besten Fall) eine Vorstellung davon, wenn sie wieder in die Gesellschaft entlassen werden. Die Idee der “Umsiedlung” der Rohingya jedoch hat ein anderes Ziel: Vergessen werden. Wie der Max Fellmann in seinem Artikel bei der Süddeutschen Zeitung treffend formuliert: “Wer Menschen auf eine Gefängnisinsel schickt, sagt: Wir bestrafen dich nicht nur, dich gibt es einfach nicht mehr.”

Gefangen im Paradies

Die Insel Nisida jedoch liegt an einem Ort, an dem viele Menschen normalerweise Urlaub machen. Wo Zitronenbäume über dem Meeresspiegel hängen, fett und gelb, wo Grillen zirpen, wo es warm und schön ist und abends die Sonne hinter Capri im Meer versinkt. Doch wer versuchen möchte, die Insel zu besuchen, kommt womöglich nicht weit. Denn Nisida ist nicht nur ein kleines Paradies an der Amalfiküste, sondern beherbergt auch jugendliche Straftäter:innen, vor allem aus der Region Neapel. 

Videoaufnahmen von der Insel und der Anlage zeigen sonnendurchflutete Höfe, türkises Meer in malerischen Buchten und einen Blick auf den Vesuv. Es scheint paradiesisch und soll den Jugendlichen, die hier häufig aus dem Milieu der organisierten Kriminalität kommen, eine neue Perspektive bieten. Die hohe Rückfallquote der Jugendlichen, die sie immer wieder in Nisida eintrudeln lässt und dass sich das Gefängnispersonal häufig noch an ihre Väter erinnert, die vor ihnen dort gewesen sind, lässt darauf schließen, dass viele der Inhaftierten nicht unbedingt eines Besseren belehrt werden. Der Blick aufs Meer und die Abgeschiedenheit scheint keine sonderlich große Auswirkungen auf die Inhaftierten zu haben. 

Etwas anders sieht das auf der Insel Pianosa aus. Fare un giro a Pianosa (dt: Eine Runde auf Pianosa drehen): So bezeichneten Italiener:innen lange Zeit in blumiger Sprache einen Gefängnisaufenthalt. Hier gibt es zwar schon seit 1998 kein Gefängnis mehr, aber Sträflinge im offenen Vollzug. Sie arbeiten, bauen Gemüse an, halten die Gebäude instand und führen Touri-Gruppen über die Insel. Den Gefangenen sollen so andere Perspektiven und Möglichkeiten geboten werden als klassischen Gefängnisinsassen, was ihnen später sowohl bei der Wiedereingliederung, als auch der Arbeitssuche helfen soll. Nicht jeder kann auf Pianosa seine Strafe absitzen, die Personen werden bewusst vorher ausgewählt, da die Behörden keine Risiken eingehen wollen, wenn die Gefangenen frei herumlaufen. Pianosa ist nicht für alle.

Die Insel Pianosa im Mittelmeer.

Gefangene selbst erleben ihren Aufenthalt auf der Insel als Privileg. Es geht darum, seinen Beitrag zu leisten an einem Ort, der früher vor allem als landwirtschaftliche Strafkolonie funktionierte. Pianosa gilt auch als “Paradies aller Sträflinge”. 
Ein Gefängnis auf einer Insel kann also sowohl grausam sein als auch einen gewissen Mehrwert für die Inhaftierten haben. Es kommt auf den Grund für den Aufenthalt an, oder auf die Institution selbst, die dort angesiedelt ist. “Aber”, fragt Max Fellmann zurecht, “was bringt ein Paradies, aus dem man nicht wegdarf?

1 Goffman, E., Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen., 1973.

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