Die Rückkehr des Kokovoren

von Benedikt Sylvester

Kreuzt man das Insel-Thema dieser Ausgabe mit dem Vorhaben, sich in einem Artikel in die Gefilde deutschsprachiger Literatur zu wagen, dann kommt man früher oder später an Christian Krachts 2012 erschienenen Roman Imperium nicht mehr vorbei. Die kontrafaktische Erzählung folgt der historischen Figur August Engelhardt, der im auslaufenden 19. Jahrhundert die 75 Hektar große Pazifikinsel Kabakon erwarb, um dort einigen gleichgesinnten, durch den Kolonialismus irrenden Glücksrittern seine Selfmade-Theologie des Kokovorismus zu lehren. Ja genau, Kokovorismus, allseits bekannt. Nicht?

Engelhardt (rechts) und Anhänger:innen

Aufstieg und Fall des Sonnenordens

Kracht präsentiert in seinem Roman eine literarisch verzerrte Interpretation des August Engelhardt, das macht die Biografie der historischen Vorlage aber nicht weniger kurios. 1875 in Nürnberg geboren und in Deutschland Anhänger:innen einer den Vegetarismus und Nudismus propagierenden Naturheilanstalt, macht Engelhardts Lebensweg an dem Punkt Historiker:innen auf sich aufmerksam, an dem er den Entschluss fasst, sich den kolonialistischen Bestrebungen des Deutschen Kaiserreichs anzuschließen. In den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts reist er nach Deutsch-Neuguinea und kauft eine Kokosnussplantage auf der kleinen Pazifikinsel Kabakon. Dass es sich ausgerechnet um eine Kokosnussplantage handelt, ist natürlich kein Zufall. So gründet er schon bald nach seiner Ankunft den sogenannten Sonnenorden, in dessen Zentrum Engelhardts pseudo-theologische Überlegungen zur Kokosnuss stehen. Grundlegende These: Die Kokosnuss wächst der Sonne am nächsten, ist somit eine Gottesfrucht voller Sonnenenergie und wer sich ausschließlich von Kokosnüssen ernährt, kommt folgerichtig der Erleuchtung näher. Engelhardt bewirbt seine Kokos-Kommune auch in Europa und schart so eine kleine Gefolgschaft glücksritterlicher Proto-Hippies um sich, denen er – dem Klischee des Sektenführers folgend – die kokovoristische Diät predigt, während er sich selbst auch von den in die Kolonien geschifften Konservengerichten ernährt. Es kommt, wie es kommen muss und die Kommune zerfällt bald. Engelhardt wird zum lokal bekannten Freak, der vom Vorstehenden des Sonnenordens zur Belustigung für Durchreisende verkommt, bevor er schließlich auf Kabakon stirbt.

Engelhardt ist einerseits ein typisches Produkt des deutschen Kaiserreichs, auf der anderen Seite scheint er aus seiner Zeit herauszufallen. Das von Bernhard von Bülow 1897 im Reichstag proklamierte Verlangen nach einem “Platz an der Sonne” war für die kolonialistischen Bemühungen des Deutschen Reichs nachhaltig prägend. In diesem Kontext lässt sich ein deutsch-pazifischer Sonnenorden, wie Engelhardt ihn auf Kabakon zu etablieren versuchte, problemlos einordnen. Seine Bemühungen um Nudismus und Vegetarismus auf der anderen Seite lassen sich zwar mit damaligen Bewegungen in der Naturheilkunde verbinden, waren seinerzeit aber ein enorm exzentrischer Charakterzug. Von der kokovoristischen Diät ganz zu schweigen. Es verwundert also nicht, dass Engelhardt seine Nische in der Geschichte des deutschen Imperialismus gefunden hat. Und heute versuchen einige, seine Biografie als progressiv oder sogar avantgardistisch zu deuten.

Vom imperialistischen Ideologen zur Werbefigur

Bei jeglichem Respekt für alternative Lebensstile und auch unter Berücksichtigung des historischen soziokulturellen Kontexts lassen August Engelhardts kolonialistische Unternehmungen rund um seinen Kokosnuss-überwucherten Platz an der Sonne seine Person nicht im positivsten Licht erscheinen. Umso wunderlicher ist es, dass der nicht von ihm trennbare Mythos Kokovorismus zum Marketing-Aushängeschild für Produkte aus der Lifestyle-Branche geworden ist. Vorhang auf für: Kokovorismus.de.

Header des Shops Kokovorismus.de (Quelle)

Neben Bio-Trinkkokosnüssen, die sich gut im Engelhardt-Universum ansiedeln lassen, werden auf dieser Seite zum Beispiel auch Nassrasierer vertrieben. Aber was haben Rasierer mit dem Kokovorismus zu tun? 

“August Engelhardt© hat einen langen Bart und einen guten Ruf. Aufgrund seiner Weisheit weiß er, dass ein gepflegter Eindruck für einen Apostel wichtig ist. Wie sonst soll es ohne gepflegten Eindruck möglich sein neue Jünger zu gewinnen, stellt er fest. Deshalb nutzt er die Rasierhobel aus Holz (Bambus/Kokos) um die Konturen seines Bartes zu rasieren. Da ihm auf Kabakon die Technologie zur Herstellung von scharfen und haltbaren Rasierklingen fehlt, werden die Rasierhobel mit Astra Rasierklingen aus Europa ausgestattet.”

http://www.kokovorismus.de/

Ah, natürlich! 

Die Produkttexte des Shops ließen sich als durchaus sympathische Selbstironie verstehen. Die Weise, in der Engelhardts Ideen revisionistisch idealisiert und als Aushängeschild für fragwürdige Produkte wie “Zahnseide Kokos-Aktivkohle” genutzt werden, ist vor dem imperialistischen Hintergrund von Engelhardts Sekte allerdings problematisch:

August Engelhardt und der Kokovorismus sind zurück. Die Verehrung und Anbetung der Kokosnuss geschieht vor dem Hintergrund der Schonung der Umwelt durch umweltfreundliche Produkte. Dieser Online-Shop bietet sämtliche Produkte aus Thailand und Vietnam an, die aus Kokosnuss-Produkten stammen. Hierzu gehören beispielsweise Zahnbürsten, Aktivkohle für das Bleaching der Zähne, Kokoswasser und vieles mehr. August Engelhardt hatte damit recht behalten, dass eine Zeit kommen wird, in der ihm die ganze Erde, die ganze Menschheit huldigt, denn er ist die absolute Wahrheit, die allen Menschen würdige Ernährungs- und Lebensweise.”

http://www.kokovorismus.de/

Wer sich wundert, warum ausgerechnet Zahnpflegeprodukte unter dem Trademark “August Engelhardt” vertrieben werden: Kokovorismus.de wird laut Impressum von der Berliner Firma BMUT UG – Oralflora Deutschland® betrieben.

#Travel #Kokogram

Vielleicht ist die Transformation Engelhardts vom verschrobenen, in Ungnade gefallenen Sonnen-Apostel zum Maskottchen von Mundhygiene-Produkten aber gar nicht so verwunderlich, wie sie zunächst scheint. 

Der jährliche Umsatz der weltweiten Tourismusbranche ist von 2000 bis 2019 (also vor Corona) von 495 Milliarden US-Dollar auf 1.481 Milliarden US-Dollar gewachsen (Quelle). Reisen wird nicht bloß immer günstiger, sondern auch beliebter. #travelgram und das Selfie von der Insel dürfen definitiv nicht fehlen. Fernreisen werden erschwinglicher, sind aber dennoch ein Statussymbol in der ewigen Selbstdarstellungs-Schlaufe auf Social Media. Parallel dazu entdeckt die Lebensmittelindustrie den (wichtigen) Trend zu vegetarischer und veganer Ernährung für sich, der Markt für Fleischersatzprodukte ist 2020 um mehr als 33% gewachsen (Quelle). 

In diesem Kontext lässt sich eine historische Figur, die schon 1900 eine Kommune umweltbewusster, vegan lebender Freidenker:innen auf einer paradiesischen Pazifikinsel um sich scharte, natürlich sehr leicht als progressiv interpretieren. Die unschönen Aspekte der Geschichte können dabei gut ausgeblendet werden, letzten Endes ist der Unterhaltungsfaktor des Phänomens Kokovorismus lukrativer als dessen Schattenseite.

Leseempfehlung: Imperium

Nun gut, letztendlich ging es in diesem Artikel dann doch nicht um Christian Krachts Imperium. Das ist vielleicht aber auch gar nicht so schlimm, zu dem Roman gab es rund um sein Erscheinungsdatum mehr als genug Diskurse im feuilletonistischen Zirkus. Dabei sind die meisten Beiträge es nicht wert, noch einmal hervorgekramt zu werden: Ist der Autor nun rechts? Ist das Verleumdung? Ist das Buch ein Meisterwerk? Oder ein Klischee? Die Debatte scheint neun Jahre später überwunden zu sein und braucht hier nicht noch einmal ausgerollt zu werden. Stattdessen soll am Ende dieses Artikels eine Leseempfehlung für den durchaus zynischen Roman Imperium stehen, dann muss an dieser Stelle auch nicht der zum Scheitern verurteilte Versuch unternommen werden, das Buch auf eine den Diskurs bereichernde Art zu kommentieren. Viel Spaß beim Lesen!