Die wundersamen Titel des Monsieur Filmverleih

von Alina Fetting

„Monsieur Pierre geht online“, „Der Flohmarkt von Madame Claire“, „Die Brillante Mademoiselle Neila“, immer wieder bespielen französische Komödien die deutschen Kinos, und immer wieder scheinen diese dasselbe Titelschema zu reproduzieren. Die Originaltitel unterscheiden sich voneinander, die Assimilierung geschieht in der Übersetzung. Es scheint fast so, als hätten die deutschen Filmverleihe die Erfolgsformel gefunden, um dieses Genre zu vermarkten und seien nun nicht mehr bereit, diese loszulassen. Allerdings ist diese durchaus nicht unproblematisch und verbirgt Diskriminierungen. Mittlerweile lassen sich die Monsieur/Madame/Mademoiselle-Filme nicht mehr an zwei Händen abzählen. Um zu ergründen, warum sich diese Formel etabliert hat, lohnt es sich anzusehen, warum bei der Filmtitelvergabe feste Wortverbindungen oft eine große Rolle spielen.

Der Mensch ist bekanntlich ein Gewohnheitstier. Wir benutzen uns geläufige Satzschemata oder Aneinanderreihungen von Wörtern, sogenannte Phraseologismen, weil sie unserem mentalen Lexikon schon im Schnellzugriff zur Verfügung stehen. Redewendungen wie „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ sind zum Beispiel solche Phraseologismen. Sie können dabei helfen, komplexe oder abstrakte Phänomene vereinfacht darzustellen, indem sie mit Bildern und Assoziationen arbeiten und sie so greifbarer gestalten. Sie können aber auch wiederkehrende Kommunikationssituationen etwas routinierter gestalten, etwa durch Ausdrücke oder Floskeln wie „ich bin fix und fertig“, nach einem erschöpfenden Tag oder ein „Sehr geehrte Damen und Herren“ bei der Adressierung eines Publikums. Weil Menschen, die sich in gleichen Zeichensystemen bewegen, diese Wortverbindungen ähnlich deuten, sind sie ein wichtiges Kommunikationsmittel. Das Gewohnte verspricht einen einfachen und schnellen Zugang. Ein Werbemittel gilt dann als besonders effektiv, wenn es in der Lage ist, innerhalb weniger Sekunden die Aufmerksamkeit auf ein Produkt, in diesem Fall einen Film, zu lenken. Wenn die Phraseologismen der Titel allein schon Assoziationen wecken, die im Idealfall Lust auf den beworbenen Film machen, dann wird der bloße Titel zum Werbezweck.

Bei Titeln, welche die Zwillingsformel benutzen, wie zum Beispiel bei „Malcom und Marie“, „Mr and Mrs Smith“ oder „Thelma und Louise“, lässt sich erahnen, dass ein Zweiergespann im Mittelpunkt steht, ein Film über eine enge Freundschaft oder ein Liebespaar.

Jedoch kann die Änderung vom Originaltitel auch Auswirkungen auf die Erwartungen und die Betrachtungsweise haben. Die Affinität für titelgebende Zweiergespanne beispielsweise könnte unbedenklich sein, wenn sie tatsächlich in Kohärenz zur filmischen Erzählung steht. Wenn die aufmerksamkeitsorientierte Titelanpassung jedoch die Politik des Films unterläuft, wird es schwierig.  Im letzten Jahr erschien „Ema“, ein Film des chilenischen Regisseurs Pablo Larraín, in dem besagte Ema mit einer Entourage von Freund:innen eigenwillig die Fäden ihres Lebens in die Hand nimmt. Ein pulsierender Angriff auf tradierte konservative Gesellschaftsnormen. Da jedoch der Arthouse-Liebling Gael García Bernal den Partner von Ema spielt, machte der Schweizer Verleih daraus „Ema y Gastón“, obwohl diese Beziehung im Film nur einen der vielen Fäden darstellt. Damit verlagerte und verengte der Verleih den Rezeptionskorridor. Die Betrachter:innen schauen den Film durch die Linse eines Liebesfilms. Das kann die ursprünglich intendierte Lesart verfälschen und auch die emanzipatorische Haltung, die der konzentrierte Titel „EMA“ betont, verwischen.  

Bei englischen Filmen, sicherlich der Globalisierung wegen, liegt der Trend immer mehr in Richtung Originaltitel, mittlerweile mit über 50% die beliebteste Form (gegenüber 8,5% in den 1950ern). Bei den französischen Filmen ist jedoch ein gegenteiliger Trend zu beobachten. Besonders das Monsieur/Madame-Schema läuft seit einigen Jahren zur Höchstform auf.

Doch welche Assoziationen weckt dieses Schema?

Die integrierte Anredeformel „Monsieur/Madame/Mademoiselle“ gepaart mit einem meist klassischen französischen Vornamen verortet den Film auf Anhieb in dem Produktionsland. Es aktiviert bestimmte Klischeebilder, Apéritiv an der Côte d’Azur, Flanieren durch Paris, gegebenenfalls die Nostalgie vergangener Sommerurlaube. Es suggeriert eine Sozial-Komödie, in der leider häufig ein seichtes Wiederkäuen der gesellschaftlichen Diskurse stattfindet, ohne diese jedoch voranzutreiben. Ein Film, der amüsiert, bei dem man sich zurücklehnen kann, aber weil es ein ausländischer Film ist, fühlt man sich dabei dennoch intellektuell gefordert. Der Rest des Satzes, beispielsweise „und der Tanz ins Glück“ oder „und der Duft der Liebe“ stellt nicht nur einen Zusatzkontext her, sondern verspricht gleichsam eine schwülstige Ästhetik.

Vielleicht wird dies einzelnen Filmen nicht gerecht, doch gerade so ein Schubladendenken ist die Folge, wenn sich Titelschemata wiederholen, automatisch werden Bezüge zu vorherigen Filmen hergestellt.

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Der Film, der sicherlich die Assoziationslawine lostrat, ist die Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“, der 2014 einen Riesenerfolg verbuchte, in dem sich ein konservativer Vater mit der Wahl der Schwiegersöhne schwer tut, da sie von seinem weißen, christlichen Weltbild abweichen.

Blickt man in die Vergangenheit, so sieht man, dass es dort schon vereinzelt Filme mit derartigen Titeln gibt. Filme wie „Die Ferien des Monsieur Hulot“ (1953) und „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Korans“ (2003) tragen aber noch die wörtliche Übersetzung des Originaltitels. Bei „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ war der Filmtitel erstmals frei gewählt (Original „Les Choristes – die Choristen“). Der Film und sein Soundtrack wurden in Deutschland zum Verkaufshit, jedoch trifft der Film ganz andere Töne als „Monsieur Claude“. Zwischen den zwei Filmen liegen 10 Jahre, in der kaum Filme mit diesem Titelkonzept erschienen.
Die erfolgreichsten französischen Filmimporte dieser Dekade? „Willkommen bei den Sch‘tis“(2008) und „Ziemlich Beste Freunde“(2011). „Monsieur Claude“ gliedert sich hinsichtlich Besucher:innenzahl und Genre eher in diese Importe ein – allem Anschein nach wurden seitdem eins und eins zusammengezählt. Sowohl bei der Verleihstrategie, als auch bei der Wahrnehmung des Publikums.   

Bei Hulot und Mathieu handelte es sich noch um Nachnamen (wobei das Mathieu durchaus zu Verwirrungen geführt haben könnte, da der Name auch als Vorname existiert). Etwas stutzig macht es, dass die Kombination von Anrede + Vorname in Frankreich heutzutage kaum geläufig ist. Und wenn dann eher in einem Kontext, in der die andere Person nicht wirklich auf Augenhöhe behandelt wird, für Kinder, junge Frauen, alte Menschen oder migrantisierte Personen (wie im Falle von Monsieur Ibrahim, bei der die eingenommene Perspektive außerdem eine kindliche ist). Auch die Unterscheidung zwischen Madame (Frau) und Mademoiselle (Fräulein), ist wegen der sexistischen Kategorisierung in verheiratete oder unverheiratete Frau, genauso wie in Deutschland, immer mehr verpönt und sollte der Vergangenheit angehören. 

Die Anrede + Vorname-Formel wurde andersherum auch benutzt, wenn Bedienstete in Frankreich und ihren ehemaligen Kolonien ihre „Herren“ und deren Familie ansprachen. Man kann festhalten, dass sich durch diese Benennungen auch immer ein ungleiches Machtverhältnis artikuliert. So wie in einigen dieser Filme Diskriminierungen unter dem Deckmantel des Humors stattfinden, so werden diese Diskriminierungen also auch mit den Filmtitel reproduziert.

In dem die Namensgebung versucht, verschiedene Aspekte (Ursprung, Genre, Stimmung des Filmes etc.), also Komplexes in einem Titel einzufangen, um die Qualitäten des Films hervorzuheben, macht sie da nicht letztendlich das Gegenteil, in dem sie den Film, ebenso wie die Anrede Mademoiselle + Vorname, verniedlicht, ja bevormundet?