BOYKOTTIERT DEN WELTUNTERGANG

Kein Bock auf Stille Revolution

Menschen mit einer übervollen Arbeitswoche, mit körperlich so anstrengenden Jobs, dass man sich abends einfach nur noch erschöpft mit einem schnellen Essen vor dem Fernseher verkriechen will, Familien mit Kindern, die in schwierigen sozioökonomischen Verhältnissen leben und mit Mühe überhaupt angemessen viel Essen für alle auf den Tisch bekommen; als ob alle dieser Menschen stets den Luxus hätten, sich Gedanken darüber machen zu können, wo was abgeholzt wird und welche Unternehmen am schlimmsten sind. Und vielleicht tun sie dies ja auch. Aber das verschafft ihnen nunmal nicht mehr Geld und Möglichkeiten, sich diesen Lifestyle auch zu leisten. Zu sagen, die Konsumierenden sind grundsätzlich schuld, wenn sie anstelle von einer 16 Euro-Hühnerbrust lieber zu der Variante für drei Euro greifen, ist einfach nur vermessen.

Es gibt Menschen, die das können und auch tun. Und das ist super. Aber man kann niemanden dafür shamen, wenn er es einfach nicht kann oder will oder weiß. Denn nicht jede:r hat Zugang zu der privilegierten Akademiker-Bubble, wo in der Theorie alles ganz einfach klingt, von wegen „Stille Revolution“ und so. 

Ich will nicht still sein, wenn es darum geht, Unternehmen und Werbetreibende dafür zur Verantwortung zu ziehen, dass sie Menschen manipulieren und ihnen mit dem reinen Ziel des Profits ein gesundes, besseres, schöneres Leben versprechen. Um jeglicher Kritik des Idealismus zuvorzukommen: Ich verstehe, dass wir im Kapitalismus leben und ja, ich profitiere auch davon. Aber das heißt nicht, dass man diejenigen, die unseren Konsum mit allen Mitteln anheizen wollen, sei es durch Tränen, Preissenkungen, Zugehörigkeitsgefühl, einem angeblichen Kampf für Gerechtigkeit und einer besseren Welt auf allen Ebenen, nicht kritisieren kann.

Werbung bleibt. Genau wie die soziale Verantwortung

Ich möchte in keinem Fall alle Marketing- und Werbeagenturen über einen Kamm scheren, das geht mit Sicherheit nicht gut. Und wäre möglicherweise auch nicht fair. Aber die Art und Weise, wie in dieser Runde über die Verantwortung der Konsumierenden gesprochen wurde, hat mich erschrocken. Von Seiten der Expert:innen wurde deutlich mehr Verantwortung von sich gewiesen, als dass ein Verständnis für Antidiskriminierung aufgebracht wurde. In meinen Augen sollte dieses aber eine Selbstverständlichkeit sein. 

Ich weiß, dass diese Menschen in der Werbebranche arbeiten, weil sie ihren Job gerne machen. Ich möchte nicht sagen, dass alle Werbeagenturen böse sind. Aber Werbung soll nun mal in erster Linie das Kaufverhalten regeln. Und meiner Meinung nach geht damit immer eine soziale Verantwortung einher. Nicht, dass man diese einhalten muss, mein Gott, soll es halt jeder machen wie er/sie will. Aber das negiert nicht die schiere Existenz dieser sozialen Verantwortung.

Ist ja auch nicht alles schlecht

Und es gibt auch ganz schöne Dinge, die die Werbung tut. Damit rede ich jetzt nicht von Werbung, die auf die Tränendüse drückt. Aber zum Beispiel hat Barilla zu jeder Pastasorte eine Spotify Playlist erstellt, die genauso lang ist wie die Kochzeit der Pasta. So simpel und dabei tatsächlich genial. Nicht, dass Barilla nicht auch schon den ein oder anderen Shitstorm hinter sich hätte (2013 machte Guido Barilla, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, mit homophoben Äußerungen auf sich aufmerksam), aber zumindest wird mit der Playlist-Aktion nicht versucht, super divers und woke rüberzukommen. (Trotzdem natürlich scheiß Aktion, Guido!) Das Unternehmen versucht seitdem sein Image wieder aufzupolieren und erreichte im Jahr 2021 zum siebten Mal in Folge die höchste Punktzahl beim Human Rights Corporate Equality Index.  

Es ist sehr leicht, die Verantwortung einfach auf den Verbraucher abzuschieben. Frei nach dem Motto: Die Welt ist wie sie ist. Und der Stärkere gewinnt immer. Wir alle konsumieren, manche natürlich mehr und andere weniger. Und es ist oft auch sehr anstrengend, immer auf alles zu achten, alles zu meiden, was mal kritisiert wurde. Es ist schwer, mich dieser Welt und dem Konsum zu entziehen. Quasi kaum möglich. Ich müsste mein eigenes Gemüse anbauen, meine eigene Cola produzieren, meine eigene Baumwolle, um mir Kleidung zu nähen. Das wird nicht passieren. Was ich aber fordern kann, sind Transparenz, eine klare Position gegen jegliche Form von Diskriminerung und auch tatsächliches Handeln. Ich darf kritisieren. Nicht nur washing, sondern machen. 

Mir von Menschen, die in der Werbung arbeiten, anhören zu müssen, dass der einzige Weg der Boykott von Produkten und Unternehmen durch Konsumierenden sei, sorry, aber damit hat man es sich dann doch ein bisschen zu leicht gemacht, liebe Werbebranche.